Eine Geschichte über Nebel.
Schleier über Affoltern.

von Sonja Weber


Eigentlich wusste niemand so richtig wann die alte Frau Rüdisüli in das Quartier kam. Sie war einfach immer schon da. Im Sommer sitzt sie auf ihrem winzigen Balkon mit einem Buch in der Hand, oder sie sieht sich am Küchenfenster an was auf dem kleinen Platz vor ihrem Haus so los ist.


Manchmal erklingen aus ihrer Wohnung ganz seltsame Klänge. Wie aus dem Orient fremd und fern. Die Leute wunderten sich und meinten, mit diesem Namen sollte sie doch Alphörner und Hudigäggeler hören. Und ab und zu hängt auf ihrem Balkon ein Gewand wie aus einem Märchen. Gelbgold und glitzernd. Die alte Frau pflegte das schöne Kleid und versorgte es wieder in ihrem Schrank.


Einmal in der Woche setzt sich Frau Rüdisüli in das kleine Kaffee in der Nähe. Sie trinkt immer einen Pfefferminztee mit mindestens vier Säckchen Zucker. Die Kellnerin meinte einmal ob das nicht zu viel sei? Nein, nein antwortet die alte Frau, es ist wegen früher und lächelt.


Im Gemeinderat kam eines Tages die Idee, wir laden alte Leute ein und die erzählen von ihrer Jugend. Man überlegte sich wen man da fragen sollte. Die junge Kindergärtnerin schlug Frau Rüdisüli vor. Was die, fragten andere Mitglieder erstaunt, und hatten vor Augen die Alte mit ihrem strähnigen
Grauhaar und der immer schmutzigen Schürze. Aber die junge Frau bestand darauf. Am selben Abend klingelte sie bei ihrer Nachbarin und erzählte ihr von dem Vorhaben. Meinen sie wirklich fragte Frau Rüdisüli, und nahm einen Schluck von ihrem süssen Pfefferminztee. Ja schon weil sie diesen Tee so machen wie er in Marokko, Aegypten, einfach im Orient so getrunken wird.


Die junge Frau hat sie überzeugt und so kam es an einem Nachmittag im Alterszentrum zur Rehweide, dass die alte Frau von ihrem Leben erzählte. Ich war Tänzerin in Marakesch, Kairo und Beyrut. Mein Künstlername war ALIMA-SHADIA. Das heisst auf Deutsch, „die Tanz und Musik liebt“. Aus dem Hintergrund wurde das wunderbare gold glitzernde Kleid an einem Ständer hervor gerollt. Viele zarte Stoffbahnen schwebten beim leisesten Hauch um das Kleid. Dazu erklangt ganz leise orientalische Musik. Frau Rüdisühli bewegte dazu plötzlich ganz graziös ihre Hände. Man konnte erahnen wie schön das war wenn sie ihren berühmten Schleiertanz vor den Gästen zum Besten gab.


Tief bewegt ging man nach Hause und schwärmte noch lange von diesem aussergewöhnlichen Nachmittag. Frau Rüdisüli sitzt wieder auf ihrem winzigen Balkon mit einem Buch. Doch am Abend war sie immer noch dort. Das fand ihre Nachbarin ungewöhnlich und läutete an der Wohnungstüre. Es machte niemand auf. Man holte die Gemeindehelferin und die machte die Türe mit einem Passepartout auf. Frau Rüdisüli sass mit einem kleinen
Lächeln in ihrem Stuhl. Sie hatte die Augen für immer geschlossen.


Der Titel der Buches, das sie immer noch in den Händen hält „Märchen aus Tausendundeiner Nacht.“ Und jedes Mal, wenn man im zarten Nebel die Kirchtürme von Glaubten und St.Catarina nicht so genau sieht, nicken sich die Leute mit einem Lächeln zu. Da seht nur Frau Rüdisüli grüsst uns aus dem Himmel mit ihrem Schleiertanz.




Fasnacht 1995


Fasnachtserinnerungen von Rita Graber


Als notorischer Fasnachtsmuffel aus Zürich lernte ich erst nach meiner Umsiedlung nach Basel im reiferen Alter die Faszination und Geheimnisse einer Basler-Fasnacht kennen, in welche mich mein Mann subtil einführte. Er war nicht aktiver Fasnächtler, aber er liebte es im Getümmel die feinen Nuancen von Humor, welche dort manchmal fast im Verborgenen zu finden waren und auch die vielen Details für die verschiedenen Costüms und Sujets die mit Herzblut auf die drei scheenschte Dääg vorbereitet worden sind.


Die erste Fasnacht drei Monate nach seinem plötzlichen Tod hatte ich das Bedürfnis für ihn an seiner Stelle am Fasnachtsdienstag für ein paar Fotos wenigstens ein bisschen Fasnachtsluft zu schnuppern. Aber ohne ihn und so allein machte es mir überhaupt keinen Spass und bald war ich schon wieder auf dem Heimweg über die mittlere Brücke und die Freie Strasse hinauf. Dort sah ich einen Dackel der sich durch das Meer aus Räppli kämpfte, um seinem Meister, einem wunderschönen Waggis mit riesiger Mähne und grosser Nase nachzukommen.


Doch, es war ja gar kein Dackel, sondern ein riesengrosser abgenagter Knochen, bestimmt von einem Dinosaurier, an einer langen Schnur hinter dem Waggis hergezogen! Eben beugte sich dieser väterlich zu einem kleinen Mädchen und überreichte ihm graziös ein Dääfi. Diese Szene beobachtete auch ein Mann mir gegenüber und ein Schmunzeln erhellte sein Gesicht.


Dieses Schmunzeln, welches ich an der Fasnacht oft bei meinem Mann gesehen hatte, stach mir tief ins Herz und der Trennungsschmerz stieg wieder in mir auf. Sollten wir uns im Getümmel verlieren, so hatten wir immer abgemacht, im Leuenzorn wäre Treffpunkt. Und überhaupt, ich war ja noch nicht mal irgendwo eingekehrt! Mein tränenüberströmtes Gesicht störte mich nicht, als ich durch die pfeiffende und russende Stadt hinüber zum Leuenzorn wechselte, wo ich mir fest entschlossen einen Drink genehmigen wollte.


Dort im Hof war aber an diesem Kinderfasnachtsnachmittag nichts los und niemand da, zu dem ich mich hätte dazusetzen können und aller Mut verliess mich und ich entschloss mich nun endgültig heimzugehen. Draussen dort vor der Tür, im wogenden Strom der vorbeiziehenden Fasnachtsbesucher erblickte ich den Bruder meines Mannes, der mit seiner Frau auf dem Münsterplatz die Laternenausstellung besucht hatte. Natürlich kehrten wir alle drei im Hof des Leuenzorns ein und wir erhoben das Glas auch auf den fehlenden Bruder, der aber wie ich meine,

offensichtlich ebenfalls an der diesjährigen Fasnacht mit dabei war.



Die Giggernillisbrosche.


E Fasnachtsgschicht vo der Sonja Wäber.


Scho in der Häfelischuel hänn sie immer mittenander gschpielt. S glaine Regula mit de wiissblonde Löggli und der Willy wo immer e winzige Schruubezieher derbii gha het. Und jedes Mol an der Fasnacht het är gluegt, dass die Giggernillisbrosche wo am Gwändli vo der Regula gsii isch. Jetzt muess ich no öppis erklähre. Die Brosche isch us Trompetebläch gsi und mit eme riesige Schtei us ächtem dunggelrotem Polieschter. S Regula het si eifach e Mol gfunde in ere riesige Schachtle voll altem Grusch im Eschtrich. Es wär kei Schissdräggzügli während der Primmeli gange ohne dä königlichi Schmugg.  D Ziit isch vergange, sie sin beidi erwachse worde D Regula het e Uusbildig bi der Pharma gmacht und der Willy het sie Schtudium beändet und isch als Ingenieur nach Auschralie uusgwanderet. Aber jedesmol all die Johr, hets Regula e Karte übercho mit em Bild vo däre Giggernillisbrosche. Aber d Brosche sälber isch eifachverschwunde gsi. Es isch no meh Ziit vergang, d Kinder sin furt der Maa isch gschtorbe und s Huus isch z gross worde für d Regula ellei. So hett sie beschlosse dass sie in e Senioreresidänz züglet. Ganz ähnlich isch es in Auschtralie gange, au dört isch der Willy ellei gsi und het beschlosse: Der Läbensoobe welli är in Basel verbringe. Und wie s der Zuefall, oder s` Schicksal so will, au är het sich im gliiche Seniorezentrum aagmäldet. Amene schöne Morge, d Regula isch grad am z Morge gsässe, schtoht e schtattliche Maa mit wisse Hoor und emene wisse Bart an ihrem Tisch. Er griesst und seit, „ich hätt do öppis zum abgäh wo unbedingt nach Basel hett well“. Är legt e glains Schächteli uff derTisch. Verwirrt luegt d Regula dä Herr aa und nimmt der Deggel ab. Drinne liegt die bluetroti wunderbari Giggernillisbrosche, Sie falle sich in d Ärm und lache. Mit emen Augezwinggere frogtsi. Nur d Brosche het nach Basel welle? Und der Willy, är lacht und meint, gäll du weisch das ohni Frooge.

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Oma`s Wunderkugel

Eine Weihnachtsgeschichte von Sonja Weber.

Vor einem halben Jahr ist Oma Hanna gestorben. Bei der Sichtung ihrer Wohnung fand die Famillie eine Schachtel mit der Aufschrift


WEIHNACHTEN
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Mamma, Pappa und die drei Kinder wunderten sich. Sie hatten doch schon vor zwei Jahren alle Weihnachtssachen der Oma und ihre eigenen in eine grosse Schachtel zusammen gepackt. Vorsichtig öffnete Mamma den Karton. Darin lag eine kleinere Schachtel und ein Brief. Pappa entfaltete das Papier sorgfältig und begann laut zu lesen.

Liebe Familie, ich bin nicht mehr bei Euch aber ich habe hier noch eine kleine Überraschung. Diese Kugel gehörte meiner Urgrossmutter. Dann meiner Oma und dann meine Mutter. Jetzt sollt ihr sie haben. Es ist eine magische Kugel. Aber nur, wenn sie von einem lieben Menschen sorgfältig in den Händen gehalten wird.

Mit zittrigen Händen packte Mamma die Kugel aus ihrem Seidenpapier. Man sah ihr an, dass sie sehr alt war. Das Silber war etwas abgeblättert und auf einer Seite hatte sie eine kleine Delle. Aber etwas wunderbares ging von diesem Kleinod aus. Man kann es nicht beschreiben, etwas friedvolles, warmes das direkt ins Herz geht. Die ganze Familie ging ins Wohnzimmer und brachte die Kugel am schönsten Ast des Weihnachtsbaums an. Da glänzt sie nun. Klein, unscheinbar, aber von wunderbaren Ausstrahlung.

Am Heiligabend sitzt die ganze Familie im Kerzenschein und erzählt sich Geschichten von der lieben Oma. Der Raum ist erfüllt von süssen Zimt und Schokoladendüften. Jedes der Kinder erzählte eine persönliche Begegnung, es wurde viel gelacht und gescherzt. Aber das Schönste war der Raum wurde erfüllt von ganz viel Herzenswärme. Zusammen fühlten sie dass ihre Oma bei ihnen ist. Und um Mitternacht gehen allein den Garten, sehen zum funkelnden Sternenhimmel. Nehmen sich bei den Händen und sagen laut:


DANKE OMA



Und genau in diesem Moment fällt eine Sternschnuppe vom Himmel.

SowE 20



DAS KUGELWUNDER

EINE SILVESTERGESCHCHITE.

Von Sonja Weber.




In dem kleinen Dorf wohnten ganz verschiedene Familien. Das war zum einen die Familie Egger mit den Kinder Anna und AntoDie Familie lebt seit mindestens 400 Jahren im Dorf.


Dazu kam die Familie Achmed aus Syrien.Mit ihren Kindern Mohamed und Leila. Auch ihre Familien lebten damals seit hunderten von Jahren in Damaskus und machten die berühmte Seife. Leider musste sie vor dem Krieg fliehen und sind jetzt im Dorf angekommen.


Am andern Ende des kleinen Dörfchens lebt seid einem halben Jahr die Familie Rosenblatt mit ihren Kindern Mirjam und Gil. Sie mussten aus Jerusalem weg weil ihr Haus zerbomt wurde.


Die sechs Kinder gehen zusammen zur Schule und verbringen viel Zeit zusammen. Die Mütter wechseln sich ab mit der Betreuung. So kommt es auch, dass sie natürlich auch ihre verschiedenen Feste kennen lernen und zusammen feiern.


Beim Zuckerfest lernen die Kinder diese köstlichen Kugeln aus Datteln, Orangenwasser und Nüssen kennen.


Beim Chanukafest geniessen sie Sufganiot, Kugeln die in Öl ausgebacken werden ähnlich unserer Berliner.


Und beim Weihnachtsfest lernen die Kinder Pfeffernüsse kennen eine Art Lebkuchen mit vielen Nüssen in Kugelform.


Sie staunen immer wieder, alle Süssigkeiten zu Festen und Feiern sind in Kugelform. Und wie die ganze Familien zusammen sitzen bei Tee und Gebäck, meinten die Kinder plötzlich: Sollten nicht alle Menschen viel öfters, auch ohe Feste, Süssigkeiten in Kugelform essen anstatt Hass zu verbreiten und Kriege zu führen?


An Silvester treffen sich die drei Familien auf dem Hauptplatz, sehen in den Himmel mit den vielen Sternen nehmen sich bei der Hand und wünsche sich ein gutes neues Jahr jedes in seiner Landessprache. Und alle verstanden sich und waren glücklich.


Zum Jahreswechsel 2025  - 2026

Liebe Freunde von SeniorBasel


Manchmal scheint es, als gerate die Welt aus den Fugen. Täglich erreichen uns Nachrichten von Kriegen, Anschlägen und Verbrechen, auch in unserer Nähe. All diese lauten und schrecklichen Ereignisse überdecken leicht das Leise, das Zarte, das Schöne – jene kleinen Inseln und Erlebnisse im Alltag, die uns Kraft geben und uns daran erinnern, dass Menschlichkeit noch immer existiert.


Gerade deshalb möchten wir in dieser besonderen Zeit bewusst innehalten. Weihnachten lädt uns ein, den Blick auf das Wesentliche zu richten, auf Begegnungen die uns berühren, auf Momente der Ruhe, auf ein Lächeln, das wir schenken oder geschenkt bekommen. Es sind diese unscheinbaren Augenblicke, die unser Leben heller machen

Möge das neue Jahr uns allen mehr solcher Lichtpunkte bringen – und die Zuversicht, dass trotz aller Herausforderungen; Hoffnung, Zusammenhalt und Mitgefühl stärker sind als jede Schlagzeile. Dass das Recht und die Menschlichkeit sowie der Glaube an das Gute die Oberhand gewinnen und die Welt nicht nur von Geld, Gier, Macht und Unfrieden regiert wird.

Wir wünschen Dir und deinen Lieben von Herzen frohe, lichterfüllte Weihnachten und alles erdenklich Gute für`s 2026.

Herzliche Grüsse,

Heinz




Eine weitere Geschichte von Sonja Weber


An einem Morgen in Zürich – Oerlikon.


Die Regenwolken hingen dick und prall an diesem Morgen und taten was Regenwolken so tun, sie tropften ergiebig und heftig. Alles war nass. Die Schirme, die Mäntel, die Busse und Trams.


Eine kleine Frau mit grossem Regenhut, ja auch der tropfte, und zwei Stöcken querte die Ypsilonkreuzung auf dem Platz ganz vorsichtig. Es gab Schienen und Weichen und bei alledem musste sie aufpassen. Auf dem Trottoire angekommen sieht sie sich einen Moment um. Und dann passierte das einfach einmalige und skurilste das Zürich – Oerlikon an einem Freitag um 08.30 je gesehen hat.


Ein junger Mann kam auf die kleine Frau zu. Sie sieht ihn und denkt, gut aussehend, grossgewachsen, gut gekleidet, Typ Nordafrika – arabischer Herkunft. Dann legt sich dieser Mann einfach auf die regennasse Strasse, auf die Beine, auf den Bauch, auf die Arme. Mit dem Kopf auf die nassen Schuhe der kleinen Frau. Sie stemmt sich ganz fest auf ihre Stöcke und ruft ganz laut: Hey, was soll das???


Auf der anderen Strassenseite stehen zwei Leute vom Kundenservice der VBZ kommen sofort auf die kleine Frau zu. erkundigten sich ob es ihr gut geht. Sie hätten diesen Mann schon beobachtet wie er weiter vorne auf eine ältere Frau zu ging und sie ansprach. Der bauchliegende Mann ist in der Zwischenzeit aufgesprungen und davon gerannt. Eine junge sehr freundliche Muslima kam dazu und erklärte, dass im arabischen Raum es eine Ehrerbietung ist, dass junge Menschen älteren Personen die Füsse küssen. Oder auch ältere Verwandten beim begrüssen die Hände küssen. Die kleine Frau mit dem grossen Regenhut wusste das natürlich, sie war früher in vielen orientalischen Ländern auf Reisen.


Aber in Zürich – Oerlikon um 08.30 Uhr bei Regenwetter??

Die kleine Frau dachte nur, dass dieser junge Mann sehr krank ist und hoffentlich bald Hilfe bekommt.

Aber das Witzigste bei dieser Sache.......

die kleine Frau mit ihrem grossen Regenhut und den zwei Stöcken,

war auf dem Weg... zu ihrer Podologin!!